Begegnung

Interessiert betrachtete sie den jungen Mann. Er beobachtete ruhig jemanden ausserhalb ihres Blickwinkels. Er fiel ihr sofort auf, mit seiner gelbbraunen Hautfarbe und den schmal zugekniffenen Augen. Ein schwarz-horizontaler Streifen in einem entspannten Gesicht. Die ihn umgebende Luft vibrierte voller Lust. Doch, irgendwo hatte sie ihn schon gesehen.

Er war kleiner, reichte ihr nur bis zur Nase. Sobald sie ihn fixierte, fingen Wellen einer eigenartigen Musik an, sie zu bewegen. Etwas wie Orgelklänge in einer tiefen Kathedrale. Schon phantasierte sie hinter ihm die Unendlichkeit. Doch, er interessierte sie wirklich.

Sie hatte gerade eine lange Periode innerer Eiszeit hinter sich. Aber verstehen Sie das bitte nicht falsch, sie war nach aussen ein ganz normaler Mensch, konnte gar immer wieder mit Freunden lachen. Sie erfüllte rechtschaffen ihre Pflicht in einem städtischen Grossraumbüro. Dort war sie nie alleine. Nur innerlich war sie erstarrt. Aber diese Geschichte gehörte anderswo hin, jetzt war Frühling.

Sie sass auf ihrer gewohnten Bank in der Sonne, wie jeden Tag. Sie fixierte diesen jungen Mann, den sie schon kannte – oder doch nicht? Etwas verstohlen, von der Seite, um ihn nicht zu belästigen. Bitterkeit stieg in ihr hoch, diese Starrheit packte sie wieder. Es fühlte sich an wie ein Krampf, die Muskeln blieben jedoch schlaff. Klarer Fall, sie war eine alte Frau, hatte ein runzeliges Gesicht, einen welken Körper. Er schien knapp über zwanzig. Sie hatte es schon mehrmals mit jungen Männern probiert, jedesmal hatte die Geschichte zum heulen geendet. Aber auch diese gehören nicht hierher. Jetzt schaute sie nur diesen jungen Mann an. Nur er existierte.

Jetzt verkörperte er für sie die Unendlichkeit. Sie phantasierte ihn als Kapitän einer fliegenden Scheibe, der nicht nur die Reise durch das Weltall, sondern auch das Durchqueren aller Wirren der menschlichen Widersprüche schadlos überstand. Warum war sie nicht so, wie er war?

‘Wäre ich so wie er, würde er mich dann sehen’? Seit einiger Zeit sprach sie immer öfters mit sich selber.

War sie etwa verliebt? Nein, das war unmöglich. Klar, sie war nie mehr verliebt, da hielt sie sich ·schon lange heraus. Wieder machte sich dieser innere Krampf bemerkbar: ein Ziehen im Nacken und von dort zu den Schultern und den ganzen Rücken hinunter. Sogar im Magen und Zwerchfell wurde es manchmal spürbar. Aber das fühlte sich jeweils nur so an.

Jetzt sass sie ganz schlapp auf ihrer ruhigen Parkbank. So wie alte Frauen eben dasitzen. Ja, sie möchte so sein, wie er ist. Sie möchte an seiner Stelle sein.

Sie würde gerne leben wie er … als Kapitän, du verstehst schon … sie möchte die gleiche Energie, wie er diese unbeschreibliche innere Autorität und Ruhe ausströmen.

Wäre sie wie er, hätte sie ihn gar nicht mehr nötig. Sie identifizierte sich also, und das ist für die Liebe sowieso nicht geeignet. Wenn Männer auf Frauen losziehen, suchen sie bei denen das Gegenteil von sich selber. Sonst bleiben sie lieber unter sich. Nein, eine Frau, die einem Mann gleicht, hat bei ihnen Null Chancen. Weder als Mann noch als Frau. Männer sind da glatt überfordert. Sie erkannte, sie würde nie von ihm, von seinesgleichen, unter ihnen, weder von einzelnen noch von allen, in der Art dieses jungen Mannes, akzeptiert sein können? Aber genau das wollte sie. Sie wollte gleichberechtigt mit ihm zusammensein.

Als Mann oder als Frau?

Als beides, als alles – oder als nichts, falls es das brachte, was sie wollte: mit ihm zusammensein.

Zusammensein als eins. Als ungeteiltes, nichtgetrenntes, grenzenloses, unendliches, … als ewiges Weltall.

Der junge Asiate hatte jetzt sein fernes Objekt genug beobachtet. Er sah bei seiner Linksdrehung automatisch durch sie hindurch und verschwand in der Menge.
(in den tiefen 90er Jahren geschrieben).

.Man standing on rocky shore looking out at the ocean..